Die Imamin von Köln (2015)

Rabeya Müller, 57 Jahre alt, ist vor mehr als 30 Jahren zum Islam konvertiert. Die Pädagogin, Islamwissenschaftlerin und Feministin ist die einzige Imamin in Köln, eine von höchstens einer Handvoll in ganz Deutschland

Erschienen am 28. Februar 2015 im Kölner Stadt-Anzeiger

Die Muslime machen sich zum Gebet bereit. In einem Nebengebäude der Lutherkirche prüft ein junger Mann aus Kasachstan die Himmelsrichtung mit seinem Smartphone. In der Richtung, in die sie beten, am anderen Ende der Merowingerstraße, liegt der Chlodwigplatz, dahinter Mekka. Zwei Frauen setzen sich auf Stühle und bedecken ihre Haare mit Tüchern. Eine andere Frau trägt einen kurzen Rock, die kupferblonden Haare offen. Auch wenn sie alle in die gleiche Richtung beten – ihre religiösen Überzeugungen sind vielfältig und die rund 50 Mitglieder der liberalen Muslimischen Gemeinde Rheinland sind stolz darauf.

Lebhafte Diskussionen bestimmen die gemeinsamen Abende, für die sie die Räume der evangelischen Kirche nutzen dürfen. Allen gemein ist der Wunsch nach einer Religion, die nicht im Widerspruch zu ihrem Alltag und zu ihrem westlich geprägten Menschenbild steht. Dazu gehört auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Rabeya Müller, 57 Jahre alt, ist vor mehr als 30 Jahren zum Islam konvertiert. Die Islamwissenschaftlerin, Pädagogin und Feministin ist die einzige Imamin in Köln, eine von höchstens einer Handvoll in ganz Deutschland. „Ein Imam braucht theoretisch nur die Anerkennung seiner Gemeinde“, sagt sie. Für traditionsbewusste Muslime sei das „natürlich schwierig“. Von den männlichen Vertretern der größeren türkisch-muslimischen Moschee-Verbände werde Müller bei offiziellen Treffen „freundlich distanziert“ gegrüßt. Immerhin: Man redet miteinander.

Obwohl es auch andere Auslegungen gibt – die allermeisten islamischen Rechtsgelehrten erlauben nicht, dass eine Frau Gebete leitet, an denen Männer teilnehmen. In der liberalen Gemeinde ist das eine Selbstverständlichkeit. Wie lebt man eine Religion, von der sie hier in der Gemeinde sagen, dass die Auslegung ihrer Gebote größtenteils in der Vergangenheit verharrt? Kopftuch, Sterbehilfe, Homosexualität, der Bestattungsritus, Vegetarismus – sie suchen nach muslimischen Positionen zu aktuellen Fragen. Selten finden sie einen gemeinsamen Nenner. Zum Opferfest etwa gehört für manche in der Gemeinde, dass ein Tier stirbt. Andere wünschen sich, dass kein Lebewesen leidet. Beim jüngsten Fest feierten schließlich Fleischesser und Veganer zusammen, trotz der Differenzen. „Dass wir das aushalten können, ist ein großer Schatz“, sagt Annika Mehmeti.

Die Widersprüche gehören für sie zum gelebten Glauben. „Sie sehen, wir machen ganz viel Scharia hier“, sagt Harald Dieter Abdul Schmidt-El Khaldi, genannt Hadi. Er teilt sich das Amt des Vorbeters mit Rabeya Müller und meint freilich etwas anderes, als das barbarische Rechtssystem der selbst ernannten Gotteskrieger. Rabeya Müller übersetzt Scharia mit „Weg zur Quelle“. Der Koran wurde in klassischem Hocharabisch verfasst. Jede Übersetzung sei immer eine Interpretation, sagt sie. Und doch: „Viele Muslime haben heute ein Problem damit, eine eigene Deutung zu entwickeln.“ Für junge Muslime sind die einfachen Weltbilder der Extremisten deshalb verlockend. Müller lehrt einen anderen Islam. Sie hat zahlreiche Schulbücher für den islamischen Religionsunterricht in NRW mitverfasst. Im Ruhrgebiet hat sie geholfen, Projekte zur Extremismusprävention ins Leben zu rufen. Künstler, Musiker, Tänzer und Filmschaffende zeigen die Vielfalt muslimischer Sichtweisen. Das Ziel: Eine selbstbestimmte Auslegung der religiösen Vorschriften. „Wer sich mit seinem religiösen Denken in die Gesellschaft integrieren kann, ist weniger anfällig für Extremismus“, sagt Müller.

Auch wenn die Mitglieder der liberalen Gemeinde nicht die einzigen sind, die für eine Modernisierung des Islam eintreten: Von den konservativen Moschee-Verbänden, an deren Auffassung sich die meisten Kölner Muslime orientieren dürften, werden die Liberalen ignoriert. „Wir sind für die nicht interessant“, sagt Schmidt-El Khaldi. Die Gläubigen dagegen hätten einen klaren Anspruch, glaubt Miyesser Ildem, in einer türkischen Familie groß geworden und Mitglied der liberalen Gemeinde. „Die wollen wissen, wann eine rituelle Waschung gültig ist, wie man betet, welches Essen halal ist, und wie man Werte entwickelt, sie umsetzt und sich in die Gesellschaft einbringt“, sagt sie. In der liberalen Gemeinde diskutieren sie diese Fragen offen, meist ohne eindeutiges Ergebnis. Gewissheit auf dem Weg zur Quelle gibt es nicht. „Wenn ich wüsste, was die Scharia ausmacht, hieße das, ich wäre Gott“, sagt Schmidt-El Khaldi.

„Ein Imam braucht theoretisch nur die Anerkennung seiner Gemeinde“

Rabeya Müller
Die Imamin von Köln
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